Bei den Karakachan Pferden in Vlahi, Bulgarien

Ende August konnten wir endlich eine Reise zu den Karakachan Pferden unternehmen. Wir kontaktierten dafür im Vorfeld die Bulgarian Biodiversity Preservation Society Semperviva. Sie züchtet seit 1992 erfolgreich die gefährdeten Karakachan-Herdenschutz-hunde, die im Rahmen eines Wolfschutzprogrammes landesweit eingesetzt werden. Zu Beginn wurden typische, ursprüngliche Karakachan Herdenschutzhunde zusammengesucht und die Zucht neu aufgebaut. Eine bemerkenswerte Leistung. Nicht nur das, denn dabei wurden auch andere gefährdete Rassen mit einbezogen, so widmet sich Semperviva seit 2000 auch der Erhaltung der gefährdeten Karakachanschafe und -pferde.

Das Karakachan Pferd ist die einzige Population der verschiedenen bulgarischen Bergpferderassen die rein überlebt hat und noch heute als Lasttier eingesetzt wird.

 

Hunde, Schafe und Pferde erhielten ihren Namen von einem gleichnamigen Volksstamm von Schafhirten.

 

Wir waren mit Elena verabredet, die sich bei der ersten Kontaktaufnahme gleich bereit erklärt hatte, uns zu den Pferden zu begleiten. Allein hätten wir keine Chance gehabt die kleine Herde von jetzt noch 14 Pferden in dem weitläufigen Gelände am Fusse des Pirin Gebirges zu finden. In den Jahren 2000/2001 konnte Semperviva mit Unterstützung der Grovni Stiftung eine Gruppe von Pferden, aus den zuvor in den Rhodopen ausgemachten Restherden kaufen und sie so vor dem Gang zum Schlachter retten. Diese wurde dann an ihre Rescue Station in Vlahi gebracht, wo sie heute noch frei leben, wie vor 200 Jahren. Die Herde wuchs in den Jahren an, wie Elena berichtet. Die Pferde konnten zunächst, wie andere Nutztiere in einem Gebiet am Fusse des Pirin Gebirges grasen, wenn es in anderen Bereichen nicht mehr genug Futter gab. Leider gibt es nur ein begrenztes Kontingent für den Livestock und das wird bereits mit Kühen und Schafen soweit ausgefüllt, dass es Semperviva untersagt wurde, die Pferde weiter in diesem Gebiet weiden zu lassen. Semperviva war dadurch gezwungen einen Teil der Pferde wieder zu verkaufen. Solche die bereits geritten und die Arbeit als Lasttier kannten, wurden dafür ausgewählt, um sie in verantwortungsvolle Hände zu wissen.

Angekommen in Vlahi fanden wir zunächst nur einen Mann, dessen Ruhe uns weder deutete, dass er auf uns wartete oder er sich dort auf der Bank nur eine Pause gönnte. Ich stieg aus und fragte zunächst, ob wir hier richtig wären, beim Projekt Semperviva, worauf er ruhig und in gleicher Tonlage antwortete: "Das ist kein Projekt, das ist eine Farm." Wir sind mit Elena verabredet, war meine nächste Info an den Unbekannten, der darauf sein Handy nahm und einen Anruf tätigte. Ich hoffte der Anruf galt Elena. Ich fragte ihn, ob er denn auch hier arbeiten würde, ein Blick auf sein Poloshirt hätte es auch verraten, aber dann hätte es DIE Antwort nicht gegeben: "Ja ich arbeite hier, es ist mein Leben!" Bingo! Gleiche Tonlage, keineswegs überheblich. Ein Mensch, der es niemanden beweisen muss. Ich musste innerlich schmunzeln, was wird er wohl gedacht haben, als wir aufkreuzten.

Elena kam und wir fuhren ein Stück hoch zu einem Haus, wo sie ihren Wagen parkte und ihre Kamera, Salz für die Pferde und einen Rucksack holte und zu uns ins Auto stieg. Die Strecke zu den Pferden hoch, verriet schon zu Beginn, dass man ohne Geländewagen dort nicht hinkommt. Wahrscheinlich war es auch mein SUV, der den bis zur Ankunft Elenas unbekannten Mann an unserem Vorhaben zweifeln ließ...es handelte sich nämlich hierbei um Sider Sedefchev, der zusammen mit seinem Bruder Semperviva gründete. Die Strecke wurde immer anspruchsvoller und wir kamen nur langsam voran, hielten, schauten wo der Wagen am besten rüber gelangen kann. Alle waren gefordert, der Tuareg pumpte sich zum Glück enorm hoch und gewann noch mehr Bodenfreiheit, als er bereits standardmäßig hat. Als wir oben anlangten, nach der schweißtreibenden Strecke, empfang uns eine seltsame Ruhe. Kein Vogelgezwitscher war zu hören.

Es galt das weitläufige Gelände abzusuchen. Wir packten unser Equipment und folgten Elena, die die bevorzugten Stellen der Pferde absuchen wollte. Drei verfallene Gebäude erinnerten daran, dass Vlahi auch hier einmal besiedelt war. Ein altes Grab am Fusse des größten Hauses schien dort das einzige zu sein; 1977 wurde hier jemand bestattet. Auf dem zweiten Blick erkannte man, dass der Rest des kleinen Friedhofes komplett mit Bäumen und Sträuchern zugewachsen war. Die Natur holte sich hier alles zurück.

Wir suchten einen kleinen See auf, wo die Pferde regelmäßig zum trinken hin mussten, und andere Stellen, die ihnen als Schutz oder Aufenthalt dienten, wie Elena berichtete. Nieselregen setzte ein, die Wettervorhersage hatte eigentlich mehr Regen angesagt, und somit konnten wir dankbar sein, dass es nicht schüttete und unser Vorhaben vereitelte. Einsetzender Regen hätte uns zur sofortigen Rückkehr gezwungen, mit dem Auto wären wir dann nicht mehr heil über diese Strecke gekommen.

Wir liefen wieder Richtung geparkten Wagen; folgten Elena, die an einem wilden Birnbaum einem abgeknickten Ast ihre Aufmerksamkeit widmete und uns erklärte, das das ein Bär gewesen ist. "Ich vergass euch zu fragen, ob jemand von euch Angst vor Wölfen oder Bären hat." Diese Bemerkung war durchaus ernst gemeint, denn es hat hier sowohl Bären, als auch ein Wolfrudel von 6 oder 7 Tieren. Elena Tsingarska ist Biologin, Wolfsforscherin, Mitbegründerin und im Management der Balkani Wildlife Society, die aus der 1992 gegründeten Green Balkans – Sofia Society hervorging, um nur einiges aus ihrer Vita wiederzugeben. Einen besseren Guide hätte es nicht geben können.

Hier schien die Gegend, die von langen Gräsern bewachsen und von kleineren Wäldchen mit gemischten Laubbäumen und Hecken durchwachsen war, alles zu verschlucken und wieder auszuspucken. Wir trafen einen Hirten, der inzwischen mit einer gemischte Herde Kühe um die verfallenen Gebäude aufgetaucht war. Woher kam er, denn wir waren doch gerade dort oben? Wir waren uns sicher, die Pferde hatten uns längst bemerkt, nur wo hielten sie sich gerade auf?

Am Schluss trennten wir uns und schwärmten links und rechts aus. Elena rief die Pferde immer wieder mit "jal, jal..." Nach immerhin zweistündiger Suche kamen sie. Sabine Scharnberg, die eigens für die Fotos aus Deutschland diese Reise antrat, entdeckte sie zuerst. Elena verteilte das mitgebrachte Salz auf Steinen und Baumstümpfen. Das einzige Supplement, das die Pferde erhalten. Gesund, mit glänzendem Fell, gut genährt und harte Hufe, das war es, was uns reitstallverwöhnte West-Europäer sofort auffiel. Sabine, Elena und auch ich zückten die Kameras. Die Fahrt und stundenlange Suche hatte sich gelohnt. Wir bekamen Geschichten zu den einzelnen Pferden erzählt. Die Schimmelstute hat eine alte große Narbe von einer Verletzung durch eine Wolfsattacke an der Hinterhand. Gewohnt in Freiheit zu leben, war die Aufstallung und Versorgung dieser Verletzung eine Herausforderung für Mensch und Tier gleichermaßen. Sie wollte nicht eingesperrt sein, auch wenn das tägliche Versorgung der schweren Wunde bedeutete und nach einiger Zeit entließ man sie wieder in die Freiheit. Die Wunde heilte und sie brachte kurze Zeit später ein gesundes Fohlen zur Welt. Indokriniert von der schwarz-weißen Welt der sozialen Medien bzw. deren Usern, wird man nachdenklich! So einfach läßt sich hier Gut und Böse nicht unterteilen, wie eben in der virtuellen Welt...

Glücklich und tief beeindruckt fuhren wir im selben Tempo, wie auf dem Hinweg die Strecke wieder zurück. Hielten kurz vor dem bewohnten Teil Vlahis an zwei weitläufigen Bärengehegen für einen Bären und eine Bärin, die hier Aufnahme und Schutz im "Large Carnivore Education centre in Vlahi" fanden. Wider Erwarten wurden wir dann noch zu einem Kaffee geladen. Selbstgebackene Kekse, Salzlakenkäse vom Vortag aus der Milch der Kalofer Ziegen, gebratene scharfe Pepperoni in Olivenöl mit frischen Kräutern und viel Knoblauch, frisches Brot wurde reichlich aufgetischt. Nichts geht über bulgarische Gastfreundschaft. Am Ende nahm sich Elena noch die Zeit uns vieles über die Anfänge der Suche und der Zucht der Karakachan-Herdenschutzhunde zu erzählen, wir blätterten in Fotoalben und als Abschluss statteten wir den zwei Wölfen, die aus irgendeiner Gefangenschaft hier einen Platz in einem riesigen Gehege fanden, einen Besuch ab.

Am nächsten Morgen starteten wir gegen 5 Uhr in absoluter Dunkelheit erneut allein eine Tour zu den Pferden. Wir wollten oben sein, wenn die Sonne aufgeht. Gefunden haben wir sie nicht mehr, indes sind wir sicher, dass sie uns bemerkt haben. Kurz zuvor müssen sie noch auf der freien Fläche gegrast haben. Der frische Mist verriet es. Wir atmeten ein letztes Mal diese frische Luft, lauschten der Stille und aßen ein Stück frischen Käse, dessen Milch das Aroma der Gräser um Vlahi besaß, bevor wir über die beschwerliche Strecke die Heimreise antraten.

Zu allem könnte man noch viel ausführlicher Schreiben. Aber dann wird es wirklich ein Buch. Hier finden Sie weitere Links, wenn Sie sich informieren möchten:

http://balkani.org/en
https://www.facebook.com/Saving.Bulgarian.Breeds.Semperviva/
https://en.wikipedia.org/wiki/Semperviva
https://www.facebook.com/LargeCarnivoreEducationCentreBulg…/

 

Wir danken noch einmal SEMPERVIVA und Elena Tsingarska, im Besonderen, für diese wundervolle Erfahrung.

 

Euer Pferde der Welt - Team mit Sabine Scharnberg Photography